Geologie

ASKJA

Ein einzigartiges, faszinierendes Naturwunder

Wenn jemand ein typisches und eindrucksvolles Beispiel für isländische Zentralvulkane mit einem Einsturzkessel (einer Caldera) sucht, dann sollte er sich zu den Dyngjufjöll (dt. Vulkanberge) und der Askja begeben. Dyngjufjöll sind eine sanft gewellte Hügelkette, aufgebaut durch wiederholte Vulkanausbrüche über einen Zeitraum von mindestens 200.000 Jahren. Sie sind der aktive Mittelpunkt eines 50 km langen und 5-20 km breiten vulkanischen Systems, des sog. Askja-Systems. Es handelt sich dabei um eine vulkanische Zone, die typisch ist für vulkanische Tätigkeit über jenen Gebieten der Erde, unter denen zwei Platten der Erdkruste auseinandertriften, durchschnittlich 2 - 2,5 cm pro Jahr wie hier in Island.

Das Zentrum der Dyngjufjöll bilden drei kesselförmige Senken oder Calderen. Wenn man sich von Norden dem Gebiet nähert, sind sie hinter den Bergen verborgen. Eine der Calderen, die bei weitem größte, umfasst ca. 45 Quadratkilometer und ist verhältnismäßig jung (10 - 20.000 Jahre). Der Prozess ihrer Bildung ist derzeit in vollem Gange. Die zweitgrößte Senke ist viel älter und in der Landschaft nicht so deutlich erkennbar. Die kleinste und jüngste Caldera ist der tiefste See des Landes, Öskjuvatn (220 m tief). Er begann sich zu bilden, als ein Gebiet innerhalb der großen Senke sich noch weiter absenkte, nachdem ein heftiger Aschen- und Bimssteinausbruch 1875 zur Ruhe gekommen war. Die Bildung dieser Caldera und der Aschenausbruch gehören zu einer Phase der Plattenverschiebung in den Jahren 1874 - 1875, verbunden mit vulkanischer Tätigkeit, bekannt unter dem Namen Sveinagjáreldar, denn damals trat gleichzeitig bei dem Gebiet Sveinagjá, ca. 50 km weiter nördlich, aus vulkanischen Spalten eine große Menge Lava aus. Der See Öskjuvatn in der jungen Caldera bildete sich innerhalb weniger Jahre, indem Grundwasser in die Senke eindrang. Der Krater Víti bildete sich gleich nach der ersten Aschen- und Bimssteineruption.

Calderen von der Art wie sie in den Dyngjufjöll vorkommen, bilden sich über sog. Magma-Kammern, Magma-Speichern in der Erdkruste. Teile der Deckschicht solcher Kammern können sich senken, manchmal langsam durch Veränderung des Drucks in der Kammer, manchmal auch rasch während eines Vulkanausbruchs oder danach, wenn das Magma aus der Kammer ausgetreten ist, wie es 1875 geschah.

Deutliche Anzeichen lebhafter vulkanischer Aktivität und starker Bewegungen der Erdkruste (z.B. Spalten und Verwerfungen) sind innerhalb des Askja-Systems an vielen Stellen zu finden. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass es dort im ersten Jahrtausend nach der Besiedelung Islands relativ ruhig gewesen ist. Man weiß, dass es in den Dyngjufjöll vor 10-11.000 Jahren eine Periode außerordentlich heftiger Ascheneruptionen und in den nächsten Jahrtausenden danach zahlreiche Lavaausbrüche gegeben hat. Mehrere Schildvulkane bauten sich dabei auf. Der größte unter ihnen, Kollóttadyngja (1180 m), hat ein enormes Volumen: 15-20 Milliarden Kubikmeter. Das würde ausreichen, um damit eine 1.500-2.000 km lange, 100 m breite und 100 m hohe Lavamauer zu bauen! Die vulkanische Aktivität im Askja-System hat mit wachsendem Abstand zum Ende der letzten Gletscherperiode der Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren allmählich abgenommen. Das hängt zusammen mit der Tatsache, dass vulkanische Tätigkeit immer dann besonders lebhaft wird, wenn die Erdkruste rasch von einer Last befreit wird, wenn z.B. ein eiszeitlicher Gletscher innerhalb relativ kurzer Zeit verschwindet. Nach einem solchen Ereignis ebbt die Aktivität langsam wieder ab.

Im 20. Jh. kam es in der Askja und ihrer Umgebung zu einer ganzen Serie von Ausbrüchen und danach wahrscheinlich auch zu Verwerfungen durch die Kontinentalplattenverschiebung. Den Anfang bildeten kleinere Ausbrüche mit Lavaaustritt innerhalb der Askja im März 1921, November und Dezember 1922 und im Februar 1923. In den Jahren 1924, 1927 und 1929 wurde in Zeitungen berichtet, dass südlich der Dyngjufjöll Eruptionen zu beobachten waren, aber niemand begab sich dorthin, um die Spuren näher zu untersuchen. Wahrscheinlich trat damals eine ähnlich große Menge Lava aus wie im 19.Jh. bei der Eruption Sveinagjáreldar. 1926 gab es aus dem See Öskjuvatn eine Ascheneruption, von der heute noch eine kleine Insel im See zu sehen ist, eine Art Miniaturausgabe der Insel Surtsey, die fast 40 Jahre später bei dem Surtsey-Ausbruch vor der Südküste Islands entstanden ist.

Nach den Erdbeben in den Dyngjufjöll im Oktober 1961 öffneten sich im sog. Öskjuop kräftige Solfataren. Am Morgen des 16. Oktober bebte die Erde in den Dyngjufjöll und man sah eine Rauchsäule von dort aufsteigen. Das war gegen 14:30 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt musste der Ausbruch bereits begonnen haben. Er kam aus einer 800 - 1.000 m langen Spalte, die am Rande der Askja in westnordwestlicher Richtung der Bruchlinie der Caldera folgte. Die höchste der vier Lavafontänen erreichte eine Höhe von 400-500 m. Man schätzte die Mächtigkeit des Lavastroms auf 600-1.000 Kubikmeter in der Sekunde; er schwächte sich jedoch rasch ab. Die Lava war hauptsächlich aus zwei großen Kratern ausgetreten: Austri-Borg und Vestri-Borg, typische Tuff- und Schlackenkrater mit einer Höhe von 20-30 m. Anfang November änderte sich das vulkanische Geschehen: Die Krater schleuderten in unregelmäßigen Abständen Lavaklumpen nach oben und gleichzeitig trat schnellfließende Basaltlava aus, teils in offenen Rinnen, teils in geschlossenen Gängen. Am 15. November 1961 begann eine Eruption in einer neuen Spalte südlich der bisherigen Krater. Es bildete sich der Krater Stakaborg, der lange Zeit aktiv war. In der ersten Dezemberwoche, so nimmt man an, war das vulkanische Ereignis von 1961 zu Ende. Die neue Basaltlava in den Dyngjufjöll bedeckt eine Fläche von 11 Quadratkilometern. Ihr Volumen beträgt etwa 100 Millionen Kubikmeter und zusätzlich gingen an die 4 Millionen Kubikmeter vulkanischer Asche (Tephra) auf das Gebiet um die Ausbruchsstellen nieder. Die Spalte, in der sich die Eruption von 1961 ereignete, bekam den Namen Vikraborg und der Lavastrom, eine Mischung aus Brocken- und Stricklava (Basaltlava) heißt Vikrahraun.

Diese Eruption, bei der vorwiegend Lava im Spiel war, war in Island die erste dieser Art, die von Naturwissenschaftlern verfolgt und untersucht werden konnte.

Ari Trausti Guðmundsson
Geophysiker